„Aber ich bin doch nicht verrückt!“ – Die Zwangseinweisung

Die Idee zu diesem Thema kam mir auf dem Weg vom Dienst nach Hause, als ich darüber nachgedacht habe welche Einsätze ich als schwierig erlebe. Und ehrlich gesagt empfinde ich die Situation einen Menschen gegen seinen Willen, in eine psychiatrische Klinik zu verbringen als eine der anstrengendsten und belastendsten im Rettungsdienst. In diesem Text möchte ich euch meine Erfahrungen und Strategien anbieten, mit denen ich es eigentlich so gut wie immer geschafft habe, das es am Ende auch ohne Zwang ging. 

Was sind Zwangseinweisungen?

Zwangseinweisungen sind Unterbringungen, gegen den Willen des Patienten/ der Patientin, in einer psychiatrischen Klinik oder solchen Station nach dem PsychKG der jeweiligen Länder. Das PsychKG sind diejenigen Gesetze, die die speziellen Rechte von psychisch erkrankten Menschen gegenüber der Gesellschaft, aber eben auch die Zwangsmaßnahmen gegen solche Patienten regeln. Unterbringungen gegen den Willen eines Betroffenen können dabei eigentlich nur aus zwei Gründen eingesetzt werden:

1. Um eine akute oder drohende Selbstgefährdung abzuwenden. Zum Beispiel durch einen Suizid, oder akutes selbstverletzendes Verhalten.

2.Um eine akute oder drohende Fremdgefährdung abzuwenden, z.B. bei aggressivem Verhalten, ausgelöst durch Substanzmissbrauch. Aber auch gefährliches Fahren bei einer laufenden manischen Episode kann eine Unterbringung nach PsychKG begründen.

Die hohe Anzahl der Zwangseinweisungen mag überraschen, denkt man als Retter doch eher seltener über diese Einsätze nach. Alleine in 2008 wurde in der BRD knapp 7200 Menschen akut nach PsychKG gegen Ihren Willen untergebracht. Im Vergleich dazu gab es in der gleichen Zeit nur 6193 kurze Haftstrafen von bis zu drei Monaten länge.

Warum sind diese Einsätze so anstrengend und belastend?

"Wo der Wahnsinn entspringt"
„Wo der Wahnsinn entspringt“

Die Antwort ist so einfach wie komplex: Weil häufig die Ausführenden ein mieses Gefühl dabei haben, diese Form von Zwang gegen einen anderen Menschen anwenden zu müssen. Wir wollen so etwas nicht tun. Andererseits müssen wir es tun, weil es uns „befohlen“ wird, oder wir es sogar für notwendig erachten. Und das ist der eigentliche ‚Knackpunkt‘ an diesen Einsätzen. Zwangseinweisungen sind im Grunde „Maschinen“ die man nicht stoppen kann, sobald sie einmal angelaufen sind. Niemand in einem solchen Einsatz kann anders handeln, als er/sie es am Ende tut und genau das erzeugt einen großen Teil der Schwierigkeiten und des „miesen Gefühls“.

Das ganze einmal an einem Beispiel verdeutlicht:

  1. Der Patient ist aufgebracht und verzweifelt aufgrund einer akuten Krise. In dieser Situation äußert er womöglich Suizidgedanken.
  2. Das bekommt eine Ärztin, ein Polizist, die Leitstelle gemeldet. Und da niemand das Risiko eines Suizides auf sich nehmen möchte, wird eine Unterbringung nach PsychKG angeregt.
  3. Im Regelfall stehen jetzt ein Arzt, zwei Polizistinnen, drei Rettungsdienstler, der Vollzugsbeamte, die Patientin und deren Angehörige am Einsatzort. Die blosse Anzahl der Personen sorgt bereits für zusätzlichen Stress.
  4. Der Patient, sieht sich damit konfrontiert, das er/sie jetzt auf eine geschlossene Station verbracht werden soll, mit dem Argument es sei zu seiner/Ihrer eigenen Sicherheit. Häufig haben sich die Patienten mittlerweile aber wieder deutlich beruhigt und erleben sich selbst als kontrolliert und vernünftig. Eine Unterbringung ist Ihrer Ansicht nach also unbegründet.
  5. Jeder der Beteiligten hat mittlerweile ein ungutes Gefühl, kann aber nichts an der Lage ändern. Der Patient fühlt sich entrechtet, gedemütigt und missverstanden. Er hat jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder er gibt auf und fügt sich, was einer völligen Entmachtung gleichkommt. Oder er wehrt sich und beschwört dadurch die Gefahr von Zwang und Gewalt herauf.
  6. Im schlimmsten Fall reagieren Anwesende auch noch bevormundend oder gar aggressiv auf das Verhalten der Patientin. Verständlicherweise wird diese daraufhin noch weniger Kooperation und noch mehr feindseliges Verhalten zeigen. Die Gefahr einer weiteren Eskalation steigt.

Machen wir uns bitte bewusst, das „Zwangseinweisung“ häufig als Stigmatisierung mit dem Inhalt „Du bist verrückt, man kann Dich nicht alleine lassen“ oder auch als „Du bist uns zu anstrengend, wir räumen Dich aus dem Weg.“ erlebt wird. Und wir als Rettungsdienstpersonal, die wir ja eigentlich helfen sollen, verhalten uns aus Patientensicht wie Mittäter bei der Ungerechtigkeit die ihm gerade angetan wird.

Was kann ich als Retter & Retterin in solchen Situationen tun?

Ich möchte an dieser Stelle ein paar Ideen anbieten die mir in diesen Situationen immer gute Dienste geleistet haben. Die einzelnen Punkte haben Ihren Ursprung zwar in spezifischen psychologischen Techniken und Theorien, die ich auf Nachfrage auch gerne zeige, hier aber aus Gründen der Praxisnähe aber erstmal auslasse.

Der vielleicht nützlichste Satz für mich bei diesen Einsätzen war eigentlich immer:

„Weder Sie noch ich können am Ergebnis dieser Situation etwas ändern. Was wir aber verändern und beeinflussen können ist die Art und Weise wie wir da hinkommen.“

In diesem Satz ist eigentlich komplett enthalten wie wir als Rettungsdienstpersonal eine solche Situation positiv beeinflussen können. Ich möchte das im folgenden etwas genauer darlegen:

1. Trennen von Verhalten und Person

Keine verrückte Person, sondern eine Person in einer verrückten Situation...
Keine verrückte Person, sondern eine Person in einer verrückten Situation…

Es ist nicht die Person, sondern ihr Verhalten wegen dessen wir im Einsatz sind. Über die Person die vor uns steht, wissen wir, wenn wir ehrlich sind, so gut wie nichts. Es ist sehr hilfreich sich zu verdeutlichen, dass wir es mit einem Menschen zu tun haben, der ein ganzes Leben an Geschichte und Erfahrungen mitbringt, die weit über diese eine kritische Episode, wegen der wir gerade im Einsatz sind hinausreicht.

Für mich als Rettungsdienstmitarbeiter gilt das natürlich ganz genau so! Ich als Mensch kann vielleicht verstehen das mein Patient sich so verhält, wie er/sie sich verhält, aber das ändert nichts daran das meine Aufgabe als Assistent des Arztes jetzt gerade von mir verlangt diese Maßnahme mit auszuführen. Ich als Mensch, kann nachvollziehen, das mein Patient sich nicht Einweisen lassen möchte. Ich als Personal im RD bin aber ein „Teil der Maschine“ und somit gehalten die Anweisungen des Arztes auszuführen. Ich habe jedem Patienten den ich mit einweisen musste, diese Information angeboten und festgestellt, dass dadurch die Situation für den Patienten häufig weniger brisant erschien. Auf einmal stand ihm nämlich ein anderer Mensch gegenüber und kein „Büttel“ der Obrigkeit.

2. Geduld haben
Klingt selbstverständlich, wird aber häufig vergessen und ist natürlich nicht so einfach wie es sich anhört. Aber viel zusätzlicher Stress und Komplikationen bei Zwangseinweisungen entsteht schlicht dadurch, dass die beteiligten „Funktionsträger“ sich sehr ungeduldig und fordernd verhalten. Bitte nicht vergessen, das es sich hierbei um eine Zwangsmaßnahme handelt, die für den betroffenen Menschen im Rahmen einer schwierigen und belastenden Krisensituation stattfindet. Auch wenn die Polizei im Hintergrund mit den Füssen scharrt, besser noch einmal mit dem Patienten hinsetzen und ihn ausreden lassen. Irgendwann habt Ihr einfach „gefühlt“ das Recht zu sagen, dass es jetzt weitergehen soll und die Patientin jetzt bitte beginnt ihre Sachen zu packen.

3. Gestaltungsmöglichkeiten zulassen und anbieten.

Eine der für mich wichtigsten Erfahrungen in diesen Einsätzen ist es, das die betroffenen Patienten sehr darunter leiden wenn ihnen keinerlei Möglichkeiten zur Mitgestaltung der Situation eingeräumt werden. Von Anfang bis Ende wird „mit dem Menschen gemacht“ Entmachtung im Kontext von Entwürdigung, führt allerdings häufig zu aggressiven und abwehrenden Verhaltensweisen, Menschen wehren sich halt wen sie zu Dingen genötigt werden. Alternativ dazu hat es sich für mich gut bewährt die kleinen Nischen zu suchen in denen mein Patient gestalten und frei handeln kann. Das kann die Wahl der Kleidung oder persönliche Gegenstände sein die mitgenommen werden soll. Das kann aber auch sein, dem Patienten zu ermöglichen sein Heim so zu verlassen, dass er ein ordentliches, sicheres Haus zurücklässt.

Viel Stress wird dadurch verhindert das wir es den Patienten ermöglichen die Dinge zu regeln, die geregelt werden müssen. Die Katze muss versorgt werden, das Kind muss zur Schule, jemand muss bei der Arbeit eine Krankmeldung leisten. Diese Dinge gehen den Patienten häufig unbewusst durch den Kopf und sorgen für mehr Aufregung als nötig. Wir können die Menschen an so etwas erinnern, dadurch Kooperation erzeugen  und so Spannungen abbauen.

4. Umdeuten und erklären der Situation

"Irrenasyl" im 19.Jhdt.
„Irrenasyl“ im 19.Jhdt.

Wenn man sich ein klein wenig Mühe gibt, dann findet man ziemlich schnell raus, dass die meisten Menschen erstaunlich brutale Vorstellungen über Psychiatrie und ihren Aufenthalt dort haben. (Es ist übrigens ganz gut in dieser Hinsicht auch mal die eigenen Vorstellungen zu prüfen.) Wenn man das einmal verstanden hat, dann ist es auch verständlich weswegen Menschen sich dagegen wehren an einen solchen Ort, eben in eine Irrenanstalt, gebracht zu werden, oder?

Obendrein wissen Patienten so gut wie nie etwas über den Ablauf einer Zwangseinweisung. (Frage: Wissen Sie denn wie lange eine Person gegen Ihren Willen in einer Psychiatrie festgehalten werden darf und was in dieser Zeit dort geschieht?) An dieser Stelle hilft einfache Aufklärung und Information beträchtlich weiter. Setzen Sie sich mit dem Patienten hin und erklären Sie in aller Ruhe, was jetzt passieren wird, was in der aufnehmenden Klinik geschieht und vor allem wann der Mensch die Klinik wieder in Richtung seines alltägliches Leben verlassen kann. Ich habe Patienten häufig gesagt, das das größte Problem mit dem sie umgehen müssen, die Langeweile auf der Station sein wird und das es sich bei einer Psychiatrie im Grunde um ein ganz normales Krankenhaus, mit Pflegekräften in normaler Kleidung handelt. Das hat meistens geholfen.

Ich kann das nicht genug betonen: Unser Job bei einer Zwangseinweisung ist es dem Menschen vor uns, seine/ihre Angst soweit wie möglich zu reduzieren und ihm/ihr zu ermöglichen mit Anstand und Würde seine alltägliche Umgebung zeitweilig zu verlassen.

Ihr wisst das ihr erfolgreich wart, wenn es euer Patient freiwillig mitkommt und sich selber einweist, ohne das Zwang überhaupt notwendig war.

Ich hoffe diese Ideen und Gedanken bringen euch bei eurer nächsten Zwangseinweisung weiter und helfen euch auch diese Einsätze mit so wenig Belastung für alle Beteiligten zu fahren, wie es nur möglich ist.

Über Alexander Stötefalke

...lebt und rettet in einer Kleinstadt in Niedersachsen, studiert Psychologie und denkt, dass sich Gespräche im Rettungsdienst zu oft um Autos und Funkgeräte und zu selten um Personen, Ideen und dem Umgang mit diesen beiden drehen.
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