Stress und Kompetenz im Einsatz – Ein paar Gedanken und Tips

Eine der spannendsten aber auch anstrengendsten Seiten der Arbeit im RD ist der Umstand, dass wir bei jedem Einsatz eine neue unbekannte Situation vorfinden. Nicht nur der Patient bietet seine medizinischen Probleme, die Angehörigen sind besorgt, stellen Forderungen ans Personal und sind generell häufig aufgebracht. Weitere anwesende Personen beteiligen sich, für uns häufig unkonstruktiv, am Gespräch. dazu kommt vielleicht ein unbekannter und wenig geschätzter Arzt oder der als problematisch erlebte eigene Kollege. Ich denke, dass es relativ intuitiv ist zu behaupten, „Ein rettungsdienstlicher Einsatz bietet jede Menge Chance für erlebten Stress.“ Ich möchte euch mit diesem Artikel ein wenig Wissen darüber anbieten was Stress ist, wie er sich auf unsere Leistungen im Einsatz auswirkt und wie wir bewusst und verantwortungsvoll mit diesem Problem umgehen können.

Was ist Stress überhaupt?

Stress wird im Alltag häufig wie eine Sache beschrieben, die einer Person passiv widerfährt. Ein guter Vergleich für dieses Denken ist das Wetter. Ob es regnet oder nicht, kann ich nicht beeinflussen. Es regnet, also werde ich nass. Zuviel Stress führt dann nicht zu nasser Kleidung, sondern zu den bekannten Konsequenzen wie z.B. erhöhtem Erkrankungsrisiko, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, oder vermehrte Fehler im Einsatz und das nicht-bemerken eben dieser Fehler.

Das Problem mit dieser Art über Stress zu sprechen ist, dass sie zwar nicht völlig falsch ist, aber weitestgehend ausklammert das Menschen ganz offensichtlich unterschiedlich auf solche Situationen reagieren können. Was den jungen Praktikanten völlig aus dem Konzept wirft, erhöht den Puls der erfahrenen Kollegin wahrscheinlich nicht um einen zusätzlichen Schlag. Es wäre also nützlicher ein Stressmodell zu benutzen, das nicht nur Unterschiede zwischen Personen erlaubt sondern, welches es auch ermöglicht zu erklären warum verschiedene Menschen, in der gleichen Situation völlig unterschiedliches Verhalten zeigen und diese Situation auch völlig unterschiedlich erleben.

Stressmodel von Lazarus
Stressmodel von Lazarus

Das Model das wir für diesen Zweck hier benutzen wollen, ist das transaktionale Stressmodel des Psychologen Richard Lazarus, welches davon ausgeht, das Stress erst dann entsteht wenn eine Person sich mit einer Situation konfrontiert sieht und diese nicht erfolgreich bewältigen kann. Wird eine Person mit einem potentiellen Stressor konfrontiert, das kann eine stark blutende Verletzung aber auch das Verhalten des Kollegen oder der zu heiße RTW-Patientenraum sein, prüft die Person ob dieser Reiz als positiv, gefährlich oder irrelavant einzustufen ist. Ergibt diese erste Prüfung, das der Reiz als gefährlich einzustufen ist, prüft die Person im zweiten Schritt ob sie die richtigen und ausreichende Ressourcen hat um dieses Situation zu bewältigen. Erst wenn diese zweite Prüfung ergibt, dass die benötigten Ressourcen fehlen löst das im Organismus und in der Psyche die bekannten Stresssymptome aus.

Wie wirkt sich Stress auf die Kompetenz im Einsatz aus?

Gründe um im Einsatz Stress zu erleben gibt es offensichtlich mehr als genug. Aber was macht erlebter Stress mit der Fähigkeit die richtigen Maßnahmen auszuwählen und im Team erfolgreich auszuführen? Das hängt stark vom Ergebnis der oben angesprochenen Prüfung ab. Wird eine Situation als grundsätzlich bewältigbar, aber herausfordernd erlebt führt das zu einer messbaren Erhöhung der Konzentration und Arbeitsgeschwindigkeit. Emotional erleben wir solche Situationen als diejenigen Einsätze bei denen wir zwar stark gefordert sind aber immer noch das Gefühl haben „Kriege ich hin, ich kann das wenn ich mich anstrenge.“ Wir benötigen diese Art von Erlebnissen, da wir aus diesen Einsätzen wichtige Erfahrungen ziehen die wir zum Aufbau von zukünftigem Selbstbewusstsein (die Psychologie spricht hier lieber von der ‚Selbstwirksamkeitserwartung‘) für vergleichbare und noch anstrengendere Situationen brauchen. Gut bewältigte Stresssituationen trainieren uns also für zukünftige und intensivere Einsätze.

Wenn allerdings die Situation für uns nicht mehr erfolgreich gestaltbar ist, die Menge des erlebten Stress, oder die Anforderungen der Situation ein gewisses Maß überschreiten, entstehen zwei Probleme und eines davon kann für unseren Patienten brandgefährlich werden.

Die Yerkes-Dodson Kurve
Die Yerkes-Dodson Kurve

Als erstes fällt die Konzentration und Leistungsfähigkeit wieder ab, es fehlen also trotz gestiegener Anforderungen wichtige Ressourcen um die Einsatzsituation zu bewältigen. Die beiden Psychologen Yerkes und Dodson haben diesen Effekt bereits zu Beginn des 20.Jhdt. beforscht und dabei festgestellt, dass sich das Phänomen sehr gut in Form eines umgedrehten ‚U‘ beschreiben lässt. Bis zu einem gewissen Punkt steigt mit den Anforderungen auch die Leistungsfähigkeit. Am Scheitelpunkt aber steigen zwar die Anforderungen, also der Stress weiter an, es stehen aber nur schwindende Ressourcen für die Bewältigung zur Verfügung. Weniger Ressourcen in solchen Situationen, bedeutet leider aber auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit Fehler zu machen, eigene oder andere Fehler zu übersehen und vor allem die falschen Schlüsse aus der Situation zu ziehen.

Das zweite und weitaus gefährlichere Problem ist allerdings das Phänomen, in eben solchen Situationen die schwindenden Ressourcen nicht nur nicht zu bemerken, sondern sogar anzunehmen die eigene situative Kompetenz sei höher als sie tatsächlich ist. Dieses „Overconfidence“ genannte Phänomen in Kombination mit der ohnehin schlechteren Performance in Hoch-Stress Situationen, kann dann schnell zu gravierenden Fehlern führen.

Was also tun? 

Hier möchte ich keine langen Ausführungen darlegen sondern eine simple fünf Punkte Liste von Tips anbieten die sich erfolgreich gegen gefährlichen Stress erwiesen haben.

1. Training, Training und nochmals Training

Übung schafft Sicherheit

Menschen sind zwar, entgegen populärer Meinung, keine guten Multi-Tasker, aber was wir gut können ist Handlungen so intensiv zu trainieren, dass sie weitestgehend automatisiert ablaufen. Der Grund warum ein Arzt erst nach ca. 200 Intubationen „Schnorchelsicher“ ist, liegt ganz einfach darin, das Intubationen hauptsächlich die Hand-Augen Koordination beansprucht. Solche Aufgaben können sehr gut trainiert werden, so das der Abruf dieser Kompetenz das Arbeitsgedächtnis, ( der „Rechenspeicher“ des Gehirns) kaum noch belastet und dadurch Kapazitäten für akute Probleme, wie den verwachsenen Atemweg oder die unpraktische Lage des Patienten frei sind. Trainiert die Fähigkeiten die ihr braucht unter möglichst realistischen Bedingungen solange bis sie euch so vertraut sind wie die TV-Fernbedienung auf der Wache.

2. Prüft euch selber in der Situation

Achtsamkeit, auch für heldenhafte Retter nützlich…

Es hilft ungemein sich selber in intensiven Einsätzen auf die eigene Belastung durch Stress hin zu prüfen. Das geht im Grunde ganz einfach und ohne großen Aufwand. Haltet kurz für einen Moment, vielleicht beim EKG-Kleben oder beim vorbereiten der Infusion innerlich inne und fragt euch selber wie viel Prozent eurer Ressourcen gerade beansprucht werden. Die Erfahrung mit dieser Übung zeigt das euer Optimum an Leistung zwischen vierzig und sechzig Prozent Beanspruchung liegt. Unter dreissig Prozent wird oft als Unterforderung, über siebzig oft als starke Überforderung beschrieben. So gewinnt ihr im Laufe der Zeit ein ganz gutes Gefühl dafür wie viel ihr euch selber akut gerade abverlangen könnt.

2. Besprecht euch mit euren Teamkollegen

So ziemlich jeder im Rettungsgeschäft wird in den letzten Jahren von der „10 für 10“- Regel gehört haben. Dummerweise hält sich aber kaum jemand dran. Dabei ist gerade dieses einfach Werkzeug wirklich gut geeignet um Stress in Einsatzsituationen abzubauen und Fehler zu vermeiden. Also besprecht euch mit euren Kollegen. Einmal um die grobe Einsatztaktik festzulegen, vor allem aber auch dann wenn ihr Unsicherheiten und Probleme bemerkt, an euch, an anderen oder in der Situation, bevor diese zu ausgewachsenen Schwierigkeiten werden. Gerne auch mal zwischendurch nachfragen, was die Kollegin den jetzt als nächstes vorhat und wie ihr weiter vorgehen wollt. Die Einsätze in denen das mit dem Menschen neben mit gut lief, habe ich eigentlich immer als sehr lehrreich und erfolgreich erlebt.

3. Arbeitet Algorithmen ab und bleibt dabei fokussiert

Ja, ich bin ein Vertreter des Ansatze das Algorithmen den Rettungsdienst qualitativ besser machen. Unter anderem deswegen, weil Algorithmen trainierbar sind und uns den Kopf im Einsatz freihalten für die Momente in denen etwas passiert, was nicht im Algorithmus vorgesehen war. Eine klare Regelung was, wann und wie zu tun ist entlastet euer Arbeitsgedächtnis und lässt euch auch unter Stress noch Ressourcen. Weiterhin werden durch gut formulierte Algorithmen, (und da hapert es meiner Ansicht nacht viel eher.) die oben beschriebenen Overconfidence-Fehler stark minimiert. Wichtig dabei ist jedoch das ihr mit eurer Aufmerksamkeit bei der Tätigkeit bleibt die ihr gerade ausführt. Wenn Ihr untersucht, dann untersucht ihr. Nichts anderes. Wenn ihr einen Zugang legt, legt ihr einen Zugang. Mit vollem Aufmerksamkeitsfokuss. Stress entsteht unter anderem dadurch, das ihr Multitasking versucht. Das können wir aber nicht. Wir können nur zwischen Aufgaben schnell wechseln. Das kostet aber jedesmal Aufmerksamkeit, die dann von euren Ressourcen abgeht. Was wieder zu mehr Stress führt. Also, schön bei der Sache bleiben.

4. Aktiv Stress nach dem Einsatz abbauen

So wird es gemacht…

Auch wenn ihr es nicht direkt spürt. Stress baut sich erstaunlich langsam von alleine wieder ab. Besonders dann wenn eine erneute als Stress erlebte Erfahrung „on Top“ auf eine noch nicht völlig abgeschlossene Episode kommt. Aber genau das ist der Alltag im RD. Gerade noch den Apoplex mit Sondersignal auf die Stroke Unit gefahren und dann, keine fünf Minuten später zum Leitersturz in die Gartensiedlung. Dieses Stapeln von stressigen Situationen führt aber dazu, das wir uns sehr viel schwerer wieder herunterregulieren können. Was hier hilft, ist sich bewusste Kompetenzen zuzulegen die schnell und erfolgreich Anspannung und Stress regulieren können. Das können Atemübungen sein, oder progressive Muskelentspannung, oder einfache Meditationsübungen. Solche Techniken kann man schnell, ohne großen Aufwand und sogar „heimlich“ vor aller Augen machen. (Einige Kollegen würden bestimmt mit den Augen rollen, wenn sie wüssten wie viele Atemübungen ich im Patientenraum gemacht habe um wieder runterzukommen.)

Soviel erstmal für heute. Ihr habt gemerkt, das Thema ist riesig und wird uns bestimmt nicht das letzte mal hier beschäftigen. Vielen Dank für euer Interesse und bist zum nächsten mal. Wenn Ihr Fragen oder eine passende Geschichte habt, dann schreibt die einfach in die Kommentare.

Über Alexander Stötefalke

...lebt und rettet in einer Kleinstadt in Niedersachsen, studiert Psychologie und denkt, dass sich Gespräche im Rettungsdienst zu oft um Autos und Funkgeräte und zu selten um Personen, Ideen und dem Umgang mit diesen beiden drehen.
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