Warum alle nur gucken und nichts tun… Der Zuschauereffekt bei Unfällen…

7007Am 13. März 1964 starb die New Yorkerin Kitty Genovese, durch die Hand von Winston Mosley. Sie wurde  gegen drei Uhr morgens, nur wenige Meter von Ihrem Apartment entfernt vergewaltigt und erstochen. Das was diesen Mord zu einem der wichtigsten Fälle in der Psychologie werden lies, war der Umstand das Kitty Genovese innerhalb von rund einer Stunde dreimal, vom gleichen Täter  angegriffen wurde, ohne das einer der zahlreichen Tatzeugen irgendetwas unternommen hat. Der Tod von Kitty Genovese war Ausgangspunkt zahlreicher Forschungsprojekte zu der Frage, was geschieht mit Menschen, wenn sie anderen in Not nicht zu Hilfe kommen.

Der Zuschauer-Effekt

Ein wichtiges Ergebnis dieser Forschung war die Erkenntnis, dass die Wahrscheinlichkeit Hilfe zu erhalten, wenn jemand in Not ist drastisch sinkt, je mehr Menschen als Zeugen anwesend sind. Erstaunlicherweise hat sich in diesen Forschungen ebenfalls schnell gezeigt das die Persönlichkeit einer Person so gut wie keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, einer fremden Person zu helfen hat. Um diesen Effekt zu erklären, und schlussendlich auch um ihn zu neutralisieren, haben die beiden Psychologen Latané und Darley ein fünfstufiges Model entwickelt, in dem alle Entscheidungsschritte abgebildet sind die ein Mensch durchlaufen muss, um vom Zeugen zum Helfer zu werden. Auf jeder Stufe dieses Modell kann es zu Störungen kommen, so das in jedem dieser Schritte effektiv Hilfeleistung ausbleiben kann.

Gerade wir als professionelle Helfer sollten dieses Modell kennen. Zum einen um in der Einsatzsituation Menschen zum Mithelfen aktivieren zu können und zum anderen sind viele von uns mit Lehraufgaben im Laienhelferbereich beauftrag, sei es die Ehrenamtsbereitschaft oder der Erste-Hilfe Kurs in dem wir unterrichten. Nicht zuletzt sind wir auch nur Menschen und wenn wir uns kritisch selber betarchten werden wir feststellen, das die Fehlerquellen aus denen Nicht-Helfen entsteht, für uns auch gültig sind.

Die folgende Tabelle zeigt die einzlenen notwendigen Schritte, und was für Störungen in jeder einzelnen Phase geschehen können, die den Prozess des Helfens wieder abbrechen.

Stufe Ziel Mögl. Störungen
1. Wahrnehmen Das Ereignis muss überhaupt bemerkt werden – Lärm und andere Ablenkungen- Konzentration auf das eigene Handeln- Vorbeifahrt mit dem Auto (80Km/h = 24m/sek)
2. Interpretieren Die Situation/Person muss als „Hilfsbedürftig“ erkannt werden – Uneindeutige Situation- Unklarheit bezüglich des Gefahrenpotenzials- Untätigkeit weiterer Zeugen (Pluralistische Ignoranz)
3.Verantwortung übernehmen Helfer/innen müssen sich entscheiden etwas zu tun. Unklarheit über die eigene/ fremde Verantwortlichkeit in der Situation.
4. Entscheiden, wie zu helfen ist Helfer/innen müssen die Kompetenzen haben das richtige zu tun. Aktionsignoranz (nicht wissen, was man sagen oder tun sollte, um einzugreifen)
5. Helfen Helfer müssen aktiv handeln und die Handlung aufrechthalten Angst wegen der Konsequenzen
Einschätzung, ob Eingreifen die Situation verschlimmernd oder selbstgefährdend
Soziale Normen widersprechen Eingriff

Weitere Forschung hat gezeigt, dass es darüber hinaus eine Vielzahl von Einzelfaktoren gibt die, die individuelle Hilfsbereitschaft beeinflussen. Das kann die Stimmung der Zeugen sein, fröhliche Menschen helfen eher als traurige. Das kann auch der Ort sein an dem Hilfe benötigt wird, auf dem Land wird eher geholfen als in der Stadt. Ein wie ich finde sehr wichtiges Forschungsergebnis ist, dass die Anwesenheit von Personen die aussehen als wenn sie helfen könnten, (rote Jacke, Einsatzhose, etc.) die Bereitschaft zu helfen eher senkt. In solchen Situationen liegt es also an uns die umstehenden Personen entweder freundlich zu bitten weiterzugehen, oder sie aktiv zu unseren Helfern zu machen.

Jedoch scheint es so zu sein, dass der wirksamste Einzelfaktor das Wissen um die eigene Kompetenz ist!

Wer gelernt hat zu helfen und weiss, dass er effektiv helfen kann, darf und soll, ist viel eher geneigt sich einzumischen als jemand dem es an erlebter Kompetenz und Wissen mangelt. Deswegen sind Erste-Hilfe Kurse und CPR/AED-Training so ungemein wichtig! 

Mehr Informationen

Das Feld der psychologischen Forschung gerade zu diesen Fragen ist groß und wie ich finde extrem spannend, da es lebensnahe und alltagstaugliche Ergebnisse erzeugt. Um sich einen ersten Überblick über dieses Themenfeld, die Frage nach der Zivilcourage und wie man selber helfen kann wenn andere Menschen in Not sind zu verschaffen, empfehle ich die Episode ‚Helfen oder wegsehen?‘ Aus der wirklich guten Wissenschaftsreihe ‚Quarks & Co‘. Hier die Links dazu:

Die Seite der Sendung: Quarks & Co – Helfen oder wegsehen! 

Das PDF zur Sendung mit vielen nützlichen Tips: PDF zur Sendung

Ausführlichere Information zum Zuschauer-Effekt: Zuschauer-Effekt (Wikipedia)

Habt Ihr Erfahrungen mit solchen Situationen gemacht? Wenn ja, (gute wie nicht so gute) schreibt davon in den Kommentaren. 

Über Alexander Stötefalke

...lebt und rettet in einer Kleinstadt in Niedersachsen, studiert Psychologie und denkt, dass sich Gespräche im Rettungsdienst zu oft um Autos und Funkgeräte und zu selten um Personen, Ideen und dem Umgang mit diesen beiden drehen.
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