Warum wir „nie“ reiche Leute retten…

Ein Phänomen, das jeder neue Kollege und jede neue Kollegin nach kurzer Zeit kennenlernt ist, dass es einen offensichtlichen Überhang von Rettungsdiensteinsätzen und Krankentransporten in einkommensschwachen und bildundgsfernen Haushalten gibt. Überspitzt ausgedrückt scheint es so zu sein, dass wir viel öfter in den Schmuddelecken der Stadt sind, als da wo die “oberen Zehntausend” leben. In diesem Artikel will ich euch ein paar Antworten auf zwei Fragen anbieten, die sich bei dieser Beobachtung stellen. Erstens, ist das wirklich so? Werden Menschen aus sozial und ökonomisch schwächeren Gegenden häufiger zu Patienten als andere? Und zweitens, woran liegt das? Liegen die Ursachen in den Personen, in den Umständen oder in ganz anderen Gründen?

Werden arme Menschen wirklich häufiger zu Patienten?

Leider ja, eines der am besten beforschten Themen der Gesundheitswissenschaft, ist die Tatsache das Armut sowohl direkt als auch indirekt krank macht. In einer Untersuchung aus dem Jahr 2010 wurde gezeigt, dass die Menschen die zum ärmsten Viertel der Bevölkerung gehören eine um elf Jahre kürzere Lebenserwartung haben, als Deutschlands reichsten 25% der Bevölkerung¹. Noch einmal in aller Deutlichkeit:

Die ärmsten Menschen in unserem Land sterben elf Jahre früher, als die reichsten Menschen hier.

Für unser Fachgebiet auf den Punkt, bringt es eine Untersuchung des Robert-Koch-Instituts, welche Krankheiten benennt, bei denen es deutliche und starke Zusammenhänge zwischen einem geringen Haushaltseinkommen und deutlich erhöhtem Erkrankungsrisiko gibt.²

  • Herz-Kreislauf-Krankheiten
  • Arterielle Hypertonie und Hypercholesterolämie
  • Übergewicht und Adipositas
  • Tabak- und Alkoholkonsum

Weitere Untersuchungen haben gezeigt, dass die Erkrankungsrisiken für Lungenkrebs, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Durchblutungsstörungen im Gehirn, Durchblutungsstörungen in den Beinen, Diabetes Typ II, Bandscheibenschäden und Hepatitis für Menschen die in Armut leben eindeutig und stark erhöht sind .³

Ich bombardiere euch dieses mal mit diesen ganzen Quellenangaben und Verweisen, um euch zu zeigen, dass es sich hierbei nicht um meine private Meinung, sondern um sauber beforschte und gut gesicherte Fakten handelt. Armut macht krank, und ein Blick auf die Liste der Krankheiten zeigt deutlich, dass diese Erkrankungen für den größten Teil unserer KT- und RTW-Einsätze verantwortlich sind. Was wir ins Krankenhaus bringen, ist nicht nur eine Person, sondern in vielen Fällen auch das Ergebnis von mangelhaften gesellschaftlichen Verteilungsprozessen, gescheiterten Bildungschancen und fehlender Sozialpolitik.

Wo liegt der Zusammenhang zwischen Armut und Krankheit?

Auf diese Frage gibt es im Grunde drei mögliche Antworten. Alle drei Ansätze sind komplexer als ich es hier darstellen kann und ich würde mich freuen wenn der eine oder die andere sich aufmacht und dazu noch ein wenig für sich selber recherchieren mag.

1. Arm sein macht krank – Die Stress & Strain Theorie

Die Annahme hinter dieser Idee ist es, dass Armut spezielle Formen von Stress und Belastungen mit sich bringt, die dann zu einem erhöhten Erkankungsrisiko führen. Arme Menschen haben beispielsweise einen wesentlich schlechteren Zugang zu Gesundheitsressourcen. Was sich unter anderem schon daran zeigt, dass in den entsprechenden Vierteln einer Stadt kaum Arztpraxen vorhanden sind.

Ein anderes Beispiel für diese Idee ist es, dass bessere Bildung und ein damit einhergehendes höheres Einkommen, zu gesünderem Verhalten führt. Menschen mit höherem Bildungsabschlüssen und entsprechend qualifizierteren Ausbildungen rauchen beispielsweise deutlich weniger als Menschen mit geringerem Qualifikationsgrad. Jetzt weiß man aber spätestens seit den PISA-Studien, dass der eigene erste Schulabschlusses stark von der Einkommenshöhe der Eltern abhängt. Und genau hier schliesst sich der Teufelskreis. Niedriges Einkommen, also die Armut der Eltern macht den Bildungsaufstieg schwer, schlechtere Bildung führt dann zu ungesünderen Lebensweisen.

2. Krank sein macht arm – Die „Social Drift“ Theorie

Eine andere Idee versucht die Verbindung von Krankheit und Armut durch ein “Abrutschen in die Armut” zu erklären. Auch dieser Gedanke wird durch Zahlen gestützt: Das Institut für Finanzforschung in Hamburg präsentierte 2011 zum Beispiel den Überschuldungsreport für Deutschland. Ein Ergebnis dabei war, dass rund zehn Prozent aller Privatinsolvenzen auf die direkten und indirekten Kosten schwerer Erkrankungen zurückzuführen sind. Das waren in 2010 knapp 10.000 Personen die direkt aufgrund einer Krankheit zahlungsunfähig wurden.

Diese sogenannte “social-drift”, also ‘soziales Wegrutschen’ genannte Idee hat sich besonders bei der Frage bewährt, warum Menschen mit psychischen Erkrankungen so häufig in Armut und Elend landen. Psychische Störung wie Depressionen, zu denen auch der in den Gesundheitsberufen häufig vorkommende “Burn-Out” gehört, Schizophrenien, oder Angststörungen, verhindern in vielen Fällen eine erfolgreiche Teilnahme am Erwerbsleben. Die Miete, die Hypothek, der Strom und der Kredit für das Auto, wollen aber auch weiterhin bezahlt werden.

Zusätzlich blockieren psychische Störungen häufig aber genau die Fähigkeiten die notwendig wären, um solche finanziellen Schäden abzuwenden. Beispielsweise sind an Depressionen erkrankte Menschen oftmals schlicht nicht in der Lage ihre Bank anzurufen, und einen Termin auszumachen und dort um eine Stundung der Kredite zu beantragen. An Schizophrenie erkrankte Menschen ziehen sich häufig komplett aus dem sozialen Leben zurück, der Verlust sozialer Fähigkeiten stellt ein zentrales Symptom der schizophrenen Störungen dar, und verlieren dadurch die notwendigen Fähigkeiten um sich eine neue Wohnung zu suchen, nachdem die alte, wegen Mietschulden zwangsgeräumt wurde.

Ein ziemlich drastisches Exempel für solche Prozesse stellen die sogenannten Messie-Wohnungen, in denen die meisten von uns schon Einsätze fahren mussten, dar. Solche Orte sprechen schon auf den ersten Blick Bände über den Zusammenhang von psychischer Erkrankung und sozialem Abstieg.

3. Eine Wechselwirkung von beidem – Transaktionsmodelle

Diese Modelle, Transaktionsmodelle genant, erklären den Zusammenhang von Armut und Krankheit durch Kombinationen der beiden oben genannten Erklärungen. Es hat sich bei näherer Betrachtung nämlich gezeigt, dass beide Modell sich gegenseitig beeinflussen und deswegen zusammengefasst viel bessere Erklärungen liefern können, als jeweils alleinstehende Ansätze.

Wer sich ein wenig tiefer in dieses komplexe Thema einlesen möchte, dem empfehle ich den Wiki-Artikel:  „Sozial bedingte Ungleichheit von Gesundheitschancen“ dort werden zahlreiche weitere Beispiele und auch weiterführende Literatur genannt.

Wie betrifft uns das im Rettungsdienst? 

Wir arbeiten da wo die Probleme stattfinden, also können wir auch glaubwürdig Bericht darüber ablegen wie es an den „hässlichen Stellen der Gesellschaft“ wirklich aussieht. Wir wissen aus unserer täglichen Arbeit, dass Armut mit all ihren Folgen ein größer werdendes Problem unserer Gesellschaft darstellt. Ich würde mir von unserem Beruf wünschen in Zukunft (Hinweis an die zukünftigen Praxisanleiter und Praxisanleiterinnen!) ein größeres soziales und kritisches Bewusstsein für dieses und ähnliche Themen zu entwickeln.

Der erste Schritt wäre vermutlich Armut nicht mehr als persönliche Unfähigkeit, sondern als das Ergebnis von biographischen Entwicklungen, zu denen auch unkluge Entscheidungen und ungeschicktes Verhalten gehören, sowie gesellschaftlichen Verwerfungen zu sehen. Der nächste Schritt wäre es dann wohl, dass sich unser Beruf aufmacht und anfängt Stellung, gegen diese Formen der Ungerechtigkeit zu beziehen…

Quellen:

1. Lampert, T., & Kroll, L. E. (2014). Soziale Unterschiede in der Mortalität und Lebenserwartung.

2. Lampert, T., Ziese, T., Saß, A. C., & Häfelinger, M. (2005). Armut, soziale Ungleichheit und Gesundheit: Expertise des Robert-Koch-Instituts zum 2. Armuts-und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

3. Winkler, J., & Stolzenberg, H. (1999). Weitere Themen-Der Sozialschichtindex im Bundes-Gesundheitssurvey. Gesundheitswesen, 61(2), S178.

Über Alexander Stötefalke

...lebt und rettet in einer Kleinstadt in Niedersachsen, studiert Psychologie und denkt, dass sich Gespräche im Rettungsdienst zu oft um Autos und Funkgeräte und zu selten um Personen, Ideen und dem Umgang mit diesen beiden drehen.
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