Wichtig für die Praxis oder nur Füllstoff? Die psychologischen Inhalte der NotSan – Ausbildung…

41WjPYjtZrL._SX332_BO1,204,203,200_Seit dem 01.Januar 2014 gibt es den Notfallsanitäter als höchste Qualifikation für nicht-ärztliches Rettungspersonal in Deutschland. Dieser neue Beruf löst damit den bisherigen Rettungsassistenten ab und soll die Rettung in Deutschland so auf ein höheres und qualifizierteres Niveau anheben. Trotz aller Probleme und Hindernisse auf dem Weg zu diesem Ziel hin, halte ich den NotSan für die richtige und angemessene Antwort auf die zahlreichen offenen Fragen im deutschen Rettungswesen. Hier soll es heute aber nicht um Berufspolitik gehen, sondern darum sich einmal anzuschauen was die neuen Kolleginnen und Kollegen lernen müssen, wenn es um Fragen der Psychologie, der Kommunikation und den zahlreichen anderen „soften“ Seiten des Blaulichtlebens geht. Und ich denke ihr werdet genauso überrascht sein wie ich es war. Viel Spaß beim lesen.

Das Lernfeld Sechs

Die Menge der Inhalte, die sich auf psychologische, soziale und vor allem kommuni-kative Themen bezogen waren in der Ausbildung der Rettungsassistenten wahrlich überschaubar, besonders da die meisten Kollegen und ich bin einer davon, die Abkürzung über den Rettungssanitäter gewählt haben. In der Notfallsanitäterausbildung erhalten diese Themen endlich den ihnen zustehenden Wert und damit auch den ihnen gebührenden Umfang innerhalb der Ausbildung. Laut dem Baden-Würtembergischen Curriculum umfasst das Lernfeld Sechs – Patientinnen und Patienten, Angehörige, Kolleginnen und Kollegen sowie Dritte unterstützen und beraten1 insgesamt 245 Unterrichtseinheiten und ist im zweiten Jahr der Ausbildung untergebracht. Dieser Artikel bezieht sich auch auf eben dieses Curriculum und seine Inhalte. Schauen wir uns also einmal an was die junge Notfallsanitäterin lernen wird und wie diese Inhalte zu bewerten sind. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass es sich bei den Bewertungen zu den Inhalten um meine ganz private Meinung handelt. Wenn sich Dozenten oder Verantwortliche dazu äußern möchten, würde ich das sehr begrüßen. Aber jetzt zu den einzelnen Themenblöcken:

1. Allgemeine Fähigkeiten, Kompetenzen und Grundlagen im Umgang mit Patientinnen, Patienten, Angehörigen, Kolleginnen und Kollegen sowie Dritten

Dieser Prüfungsinhalt beschreibt grundlegende kommunikative und psychologische Fähigkeiten wie z.B. die empathische und altersgerechte Gesprächsführung oder die wertfreie Kommunikation auf Augenhöhe. Aber auch fachpsychologische Inhalte wie die Grundlagen der Entwicklungspsychologie sowie der Kognitionspsychologie (die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen beim Menschen) sollen hier geschult werden.

2. Die Grundlagen für Betreuung/ Versorgung kennen und das eigene Handeln danach ausrichten

Wie ich finde ein wichtiger weil praxisnaher Punkt, da es hier um die Frage der Zusammenarbeit zwischen Rettungsdienst und den vielen, vielen anderen Hilfsangeboten geht. Wie arbeite ich als NotSan mit Pflegediensten zusammen, wann und wofür kann ich den Streetworker der Stadt anrufen und wo bringe ich die Katze des Patienten unter den ich jetzt mitnehmen muss? Großartig, das die Interdisziplinarität des alltäglichen Arbeitens endlich erkannt, gewürdigt und gefördert wird.

3. Kommunikation mit am Einsatz beteiligten Schnittstellen

Hier geht es um die bereits bekannten kommunikativen Schnittstellen wie ZNA, Leitstelle, Pflege, OrgL, etc. Wir alle wissen das es oftmals diese Gespräche sind, die für Unfrieden zwischen den Beteiligten sorgen. Ich als RA weiss einfach nicht wirklich genau was für die Kollegen und Kolleginnen in der ZNA wichtig ist und umgekehrt. Und wir allen haben mehr als ausführlich über die Übergabegespräche in Pflegeeinrichtungen geflucht. Das diese Fragen Inhalt der NotSan-Ausbildung werden, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Professionalisierung der Kommunikation und damit auch in Richtung eines verbesserten Qualitätsmanagements.

4. Psychosoziale Unterstützung geben

Dieser Block stellt eine Einführung in den Bereich der PSNV und seiner Anwendung dar. Ich persönlich hoffe, dass diejenigen die diesen Block planen und unterrichten sich an die aktuellen Standards aus der Forschung halten werden und nicht, wie leider so oft in speziell diesem Feld einfach die das überholte Format der Einsatznachbesprechung kopieren und unreflektiert unterrichten. CISM ist einfach nicht mehr der Stand der Kunst.

5. Patienteninformation und -beratung durchführen

Spätestens hier zeigt sich, dass der/die NotSan ein selbstständig handelnder und verantwortlich entscheidender Profi sein soll. Und ich wäre gerne dabei, wenn die ersten Azubis und Anerkennungsprüflingen sich beschweren, dass sie ja retten und nicht beraten sollen und wollen. In diesem Block sollen die Grundlagen der Beratungs-psychologie sowie der pädagogischen Psychologie gelegt und geübt werden. Großartige Idee, aber bitte liebe Dozenten, vergesst die Idee der „Lerntypen“. Die steht zwar im Curriculum, ist aber durch nichts in der pädagogischen Psychologie gedeckt. 🙂

6. Konfliktdefinitionen und -management im Team, im Einsatzumfeld und an Schnittstellen

Hier soll grundlegendes Wissen über Konflikte, deren Struktur, Ihre Lösung und die Umsetzung der Lösungen vermittelt werden. Wer schon mal eine Rettungswache erlebt hat, oder in eine komplexe Einsatzsituation mit schwierigen Menschen geraten ist, wird mir zustimmen, dass dieses Wissen wichtig und nützlich ist. Wo Menschen sind gibt es Konflikte. Die Psychologie hat sehr viel Wissen über dieses Thema gesammelt und bietet reichhaltige Methoden an um Konflikte zu entschärfen und zu lösen. Großartig, wenn dieses Wissen in der NotSan-Ausbildung ankommen würde.

7. Akutsituationen im Rahmen verschiedener psychischer Störungen erkennen, bewerten und situativ handeln

Hier wird es dann doch wieder etwas medizinischer. Dieser Block lehrt Wissen über die wichtigsten psychiatrischen Notfälle, deren Ätiologie und Ihre Behandlung. Darüber hinaus liefert er Wissen und Kompetenzen darüber wie solche Patienten im Einsatz zu behandeln und zu führen sind. Da insgesamt knapp 12% aller Einsätze psychiatrische Notfälle sind, steht der Praxisnutzen dieses Themenblocks wohl nicht zur Debatte.

8. Verhaltensweisen erkennen, bewerten und das eigene Handeln danach ausrichten

Hier sollen besonders die folgenden Situationen erkannt und professionell gehandhabt werden: Aggressivität, Depressivität, Suizidalität und Sterben. Alle diese Situationen stellen für die Einsatzkräfte besondere Herausforderungen dar und es bedarf neben dem fachlichen Wissen diese zu erkennen, eben auch die notwendigen Handlungskompetenzen um im Einsatz mit diesen Verhaltensweisen adäquat umgehen zu können. Gerade Suizidalität und Aggressivität sind zwei Bereiche, mit denen wir im Grunde fast täglich zu tun haben und in denen es leider bei allen Beteiligten (RD, Polizei, Ärzteschaft, Pflege, etc.) häufig an Wissen und Kompetenzen fehlt. Was dann entweder zu einem Risiko für uns, oder zu einer schlechteren Versorgung des Patienten führt. Beides kann und sollte durch Wissen und Training verhindert werden.

9. Kommunikationsgrundlagen

Dieser Block liefert Grundlagenwissen darüber was Kommunikation ist, wie sie funktioniert und wie sich Störungen und Schwierigkeiten der Kommunikation auswirken. Dabei soll es ausdrücklich auch um Kommunikation mit Menschen mit fremden Muttersprachen, sowie mit Menschen die nur eingeschränkt über Sprache kommunizieren können gehen. Ja, das ist wichtig! Endlich kommt es im RD an, dass nicht alle Menschen Deutsch sprechen, das dieses keine Krankheit ist und das es an uns liegt auch in solchen Situationen menschlich wertvoll und professionell zu handeln. Ich würde mir weiterhin wünschen, dass in diesem Block das Thema Team-Kommunikation ebenfalls eine deutliche Rolle spielen wird.

10. Misshandlung und Vergewaltigung

Wer von uns weiß, wen mensch anrufen muss, wenn mensch den Verdacht auf ein misshandeltes Kind hat? Wer von uns weiß, worauf er/sie achten muss, wenn mensch das Opfer einer Vergewaltigung versorgt? Und damit meine ich nicht nur die psychologisch-medizinische Seite, sondern auch die juristische. Das fängt bei der Frage an ob sich das Opfer duschen sollte oder nicht, und hört mit der Frage nach dem richtigen Krankenhaus, den dort müssen Beweissicherungssets vorliegen, nicht auf. Ein wichtiger Block, denn auch in diesem Feld fehlt es oft an Information und Wissen.

11. Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Jeder von uns hatte schon die Debatte ob mensch weiter reanimiert oder nicht, es liegt doch eine Patientenverfügung vor. Aber kaum jemand von uns weiss, wie diese Verfügungen funktionieren, für wen sie bindend sind, für wen nicht und was für Konsequenzen das Beachten oder eben Nichtbeachten dieser Dokumente hat. Dieser Block vermittelt das dafür notwendige Wissen und erlaubt es dem/der NotSan auch in diesen Situationen selbstbewusst, weil kompetent zu handeln.

12. Führungsstile

Jetzt muss ich leider nörgeln. Die Idee Führung und Wissen über Führung zu unterrichten ist toll und ich befürworte das sehr, aber die im Curriculum ausgewiesenen Inhalte sind leider komplett und sämtlich überholt. Bitte, bitte liebe Dozenten schaut bevor ihr diesen Block unterrichtet noch einmal in ein Lehrbuch für Arbeits- und Organisationspsychologie, und schafft euch aktuelles Wissen zu diesem Thema an (Oder bucht mich als Dozenten). Aber, wie gesagt, grundsätzlich ein wichtiges Thema und gut das es aufgenommen wurde.

13. Suchtverhalten und Methoden der Suchtprävention und -bewältigung

Ich habe es weiter oben geschrieben, 12% aller Einsätze sind psychiatrisch. Und von denen sind ungefähr die Hälfte auf Alkohol zurückzuführen. Erstaunlich aber das in der RA-Ausbildung sowie in den Weiterbildungen kaum bis wenig Wissen über Sucht und Abhängigkeit sowie Prävention und/oder Therapie von Substanzmissbrauch vermittelt wird. Besonders angesichts dessen, dass gerade wir einen Beruf haben in dem das Risiko eines Stoffmissbrauchs in den eigenen Reihen so extrem hoch ist. Ich denke jeder von uns hat mindestens einen Kollegen oder eine Kollegin kennengelernt, bei dem wir ein ungutes Gefühl haben wenn es um das „Feierabendbier“ geht. Wissen um die Prävention, und eventuelle Hilfsangebote brauchen wir also nicht nur für unsere Patienten, sondern auch für uns und unsere Kollegen und Kolleginnen.

14. Stress und Methoden zur Stressbewältigung

Was ist Stress, was macht er mit Menschen, ab wann ist Stress ein Problem und was kann mensch gegen Stress tun oder wie kann mensch mit Stress konstruktiv umgehen? All diese Fragen sind Lernziele dieses Bereiches. Dieses Feld ist extrem wichtig, da Stress die Hauptursache für psychische, psycho-somatische Störungen sowie Substanz. missbrauch ist. Stress im Einsatz ist weiterhin eine der wichtigsten Ursachen für Fehlentscheidungen und Fehlverhalten bei der Patientenversorgung.  Die Wichtigkeit dieses Themas für unseren Beruf kann nicht überbetont werden, und es bleibt nur zu hoffen das die Dozenten sich gerade hier an gute und wissenschaftliche Psychologie halten und nicht der Versuchung erliegen oberflächliche Binsenweisheiten zu vermitteln.

Fazit

Das Lernfeld Sechs ist, so wie es im BaWÜ – Modell entworfen wurde, ein riesiger Schritt in die richtige Richtung. Es gäbe zwar ein paar Themen von denen ich mir wünschen würde das sie spezieller behandelt werden würden, (Team-Kommunikation sei hier vor allem genannt) aber im großen und ganzen ist das Lernfeld eine gute und umfassende Grundlage für die Ausbildung der NotSan.

Da hier auch Dozenten mitlesen, möchte ich dringlich darum bitten, die Themen auch mit wirklich aktuellen wissenschaftlichen Inhalten zu füllen. (Transaktionsanalyse nach Berne ist z.B. kein solcher, Führungsstile nach Lewin ebenfalls nicht mehr.)

Alles in allem aber ein gutes und umfassendes Programm. Ich persönlich hätte viel Spaß daran das zu unterrichten und wünsche alle angehenden NotSan’s viel Erfolg in diesem spannenden und manchmal leider erst auf den zweiten Blick praxisrelevanten Feld.

Quellen:

1) Notfallsanitäter-Curriculum: Baden-Württemberger Modell für eine bundesweite Ausbildung (Kohlhammer 2014)

Über Alexander Stötefalke

...lebt und rettet in einer Kleinstadt in Niedersachsen, studiert Psychologie und denkt, dass sich Gespräche im Rettungsdienst zu oft um Autos und Funkgeräte und zu selten um Personen, Ideen und dem Umgang mit diesen beiden drehen.
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