„Wie baue ich mir einen Burn-Out?“ Der Algorithmus zum selber machen…

interview-firefighter-stressDas Thema ist in aller Munde und was kaum noch jemand weiss ist, dass Burn-Out in Gesundheitsberufen schon lange ein Thema war, bevor die Managerzunft es für sich entdeckt hat. Und da es ja durchaus die Position gibt, dass auch unser Beruf ein wenig mit Belastungen versehen ist, halte ich es für eine gute Idee auch über dieses Problem ein wenig aufzuklären. Aber anstelle des üblichen „Was ist Burnout und wie entsteht er?“ dachte ich, dass eine praktische Anleitung, ein Algorithmus sozusagen, für uns irgendwie passender wäre. Wer als noch keinen BurnOut hat, kann sich hier die Anleitung holen die mensch braucht um auch diesen Karriereschritt erfolgreich zu gehen.

Eins vorweg: Es gibt natürlich eine rege Debatte darüber ob es den Burn-Out als eigenständige Störung überhaupt gibt, oder ob es sich dabei nicht eher um eine spezielle Form der Depression handelt. Diese Diskussion ist wichtig und interessant, für diesen Artikel und seine Absichten allerdings eher unbedeutend. Daneben gibt es eine eher populistische Kritik am Begriff, die in die Richtung zielt, dass Burn-Out nur Symptom einer aufgeweichten Arbeitsmoral sei. Diesen Menschen sei das folgende gesagt:  Bitte halten Sie sich aus der Debatte raus! Sie haben keine Ahnung vom Thema und werten mit Ihrer Position Betroffene, deren Angehörige und die Behandler massiv ab. Aber wie bekommt ihr denn jetzt einen Burn-Out?

Schritt eins – Die Vorarbeit

Es ist extrem hilfreich wenn Ihr in eurem Job ein hohes Mass an Expertentum und Professionalität einbringt. Um es klar zu sagen: Wem sein Job egal ist, der bekommt nur schwer, wenn überhaupt, einen Burn-Out. Gebt einfach alles, und zwar immer! Weiterhin hat es sich als wirklich nützlich erwiesen in einem Umfeld zu arbeiten in dem Fehler und menschliche Schwächen als Problem und Minderleistung  und nicht als Quelle für Verbesserungen oder als Lernchancen betrachtet werden. Ich denke wir sind uns alle einige, dass es gerade an dieser Stelle im Rettungsdienst große Chancen für euren Burn-Out Plan gibt.

Optimal ist es, wenn auf den Wachen eine längerfristig zu hohe Arbeitsbelastung verbunden mit einer hohen Dienstfrequenz, bei gleichzeitiger fehlender Ausgleichsmöglichkeiten und fehlender Anerkennung für das Geleistete seitens der Leitungen herrscht.

Jetzt braucht Ihr aber noch etwas zwingend notwendiges. Ihr braucht eine zweite Lebenswelt die Euch ebenfalls wichtig ist und die ebenfalls berechtigte Forderungen an Euch stellt. Familie hat sich hier sehr bewährt. Allerdings geht es auch mit sozialem Engagement. Also am besten in der knappen Freizeit direkt im Ehrenamt bei der SEG mitarbeiten. Alternativ, wenn auch seltener zu finden, funktioniert der Freundeskreis, der am besten auch direkt in der Einsatzgruppe mitarbeitet. Wichtig ist hierbei, dass euch dieses Umfeld viel bedeutet und auf „Minderleistung“ Eurerseits fordernd und am besten etwas passiv-aggressiv reagiert. Sätze wie „Wir wissen schon gar nicht mehr wie Du aussiehst.“ oder „Du bist ja eh immer unterwegs“ sind hier richtig gute Botschaften auf dem Weg zum Erfolg.

Damit habt ihr erfolgreich die Grundlagen gelegt, ab jetzt wird es einfacher. 🙂

Schritt zwei – Euer Selbstbild und Euer Antrieb

Nur die Besten kommen durch :)
Nur die Besten kommen durch 🙂

Um jetzt aber nicht in ein einfaches Überarbeiten abzugleiten, denn Ihr wollt ja einen Burn-Out und keinen ‚Arbeitsalkoholismus“. Ist es zwingend notwendig das Ihr euch ein passendes Selbstbild zulegt. Ihr seit ab jetzt bitte jemand der in allen diesen Feldern immer perfekt ist. Denkt bitte von euch selber, dass Ihr euer Geld und die Wertschätzung von Familie und Freunden nur dann Wert seid, wenn ihr es immer perfekt macht und jeder seine Ansprüche erfüllt bekommt.

Tip für die Famillienmenschen unter euch: Eure Leistung im Job ist natürlich deswegen so wichtig, damit eure Lieben zu Hause ein gutes Leben haben. Ihr müsst der perfekte Vater / die perfekte Mutter sein damit eure Kinder einen optimalen Start ins Leben haben. Macht euch klar das es nur Bestleistung oder Versagen geben kann. Wenn nicht alle glücklich und zufrieden sind, und ihr die perfekten Retter seid, ist es eure Schuld und ihr enttäuscht alle Beteiligten. Wenn ihr dieses Denkmuster erfolgreich installiert habt, fügt einfach noch ein wenig ehrliches Bedauern über die eigene Situation hinzu. Ein „Naja, aber ich habe es ja eh nie so wirklich hingekriegt“ und ihr seid auf dem richtigen Weg.

Schritt drei – Beschreibung der Ist/Soll-Zustände

AusgebranntZwingend notwendig ist es, dass ihr jetzt eine Trennung zwischen den Ist- und Soll – Zuständen in euren Leben vornehmt. Der IST-Zustand sollte mit „Nicht erfolgreich“ überschrieben werden. Eure Arbeit hat nicht die Qualität die sie haben sollte, Eure Zeit mit euren Lieben ist zu kurz und im Vergleich mit den anderen Kollegen schneiden diese eh besser ab, weil denen immer alles viel leichter von der Hand geht und die auch noch super Aussehen dabei. (Anm: Ihr seht spätestens jetzt: Mit ein paar Anpassungen im Detail  kriegt wirklich jeder seinen eigenen Burn-Out hin. )

Der SOLL – Zustand aber ist das alles entscheidende. Erst hier wird aus einer schwierigen Lage ein anständiges Problem. Es muss(!) natürlich so sein, dass ihr innerhalb von zwölf Stunden eure Einsätze perfekt versorgt, menschlich wertvoll seid, präzise Dokumentation betreibt, das ganze in der vierten Nachtschicht erledigt und dann nach einem lockeren kleinen Schnack mit den Kollegen beim Wachwechsel, kurz ins Fitnessstudio lauft um folgend eure Kinder zu glücklichen und klugen Menschen erzieht um im Anschluss daran euren sozialen und romantischen Verpflichtungen erstklassig nachzukommen. Am besten das alles in einem Zen-artigen tiefenentspannten Gemütszustand. Denn nie vergessen: „Wenn der X das kann, kann ich das auch!“

Schritt Vier – Lösungsversuche

Um aus der Ist/Soll – Differenz ein Problem zu machen bedarf es allerdings auch einer Reihe von gescheiterten Lösungsversuche. Denn ansonsten brecht Ihr diesen Versuch vermutlich nach kurzer Zeit einfach ab. Aber seit beruhigt, die Selbsthilfe und Konsumindustrie stellt euch eine ganze Reihe von nützlichen Hilfsmitteln zur Verfügung. Zu Beginn reichen einfache Versuche Leben und Arbeit zu optimieren. Greift ruhig auf die unzähligen Selbst-/Zeit-/Effizienz-/Erfolgs-Ratgeber und Seminare zurück die es am Markt gibt. Glaubt auch bitte weiterhin daran, dass ausschlieslich Perfektion akzeptabel ist. Dann wenn das nicht mehr reicht, könnt ihr langsam auf Missbrauchsverhalten umsteigen. Exzessiver Sport ist immer gut, und in unserem Job auch gerne gesehen. Alkohol, Drogen und Sex als Kompensation sind ein wenig in Verruf geraten, sind aber bewährte Klassiker. (Ich erklär euch in einem zukünftigen Artikel wie ihr euren Alkohlkonsum erfolgreich auf der Arbeit verbergen könnt.) Wichtig hierbei: Benutzt diese Dinge um durch die Wirkung kurzfristige Leistungshochs zu erreichen, oder die größer werdenden Löcher in eurer Leistungsfähigkeit zu stopfen. Viel hilft hier viel! Da ihr ja irgendwann erleben könnt, dass eure Lösungsversuche nicht wirklich was verändern, denkt bitte in den Momenten in denen ihr darüber nachdenkt Gedanken wie: „Es nützt ja eh alles nicht.“ oder „Egal was man macht, es wird nichts besser“. Damit habt ihr auch schonmal den Grundstein für die kommenden suizidale Gedanken gelegt.

Schritt fünf – Mehr vom gleichen

Eigentlich logisch, aber der Komplettheit halber hier erwähnt: Tut mehr vom gleichen! Ändert ruhig mal die Inhalte der Lösungsversuche, also Esoterik statt Zeitmanagement oder intensiven Urlaub statt Alkohol. Für unsere Kunst ist Fortbildung auch immer ein guter Weg. Aber bitte dran denken: Unter 95% im AMLS-Test und ihr braucht gar nicht wiederkommen. Aber bleibt bitte beim bewährten Muster. Nach einiger Zeit sollten sich die ersten körperliche Symptome einstellen, dazu emotionale Ermattung, Distanzierung sowie Zynismus und Gehässigkeiten gegenüber euren Kollegen, Familie, Patienten etc. Eure Leistungen in allen Bereichen brechen ein und dann habt ihr es geschafft: Burn-Out! Herzlichen Glückwunsch…

Nachtrag

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Bitte nicht ganz ernst nehmen… 🙂

Das hier ist natürlich eine bittere Satire! Darum jetzt noch einmal ein Wort mit allem Ernst und menschlicher Vorsicht. Achtet bitte auf euch und auch auf eure Kollegen und Kolleginnen. Ganz gleich ob Burn-Out eine eigenes Störungsbild oder eine Form der Depression ist, Betroffene und Ihre Mitmenschen leiden und sind mittelfristig tatsächlich in Lebensgefahr. Wenn ihr denkt, dass ihr selber oder eine Kollege oder eine Kollegin betroffen sein könntet, äussert eure Besorgnis, informiert euch und bietet, auch euch selber, Hilfe an.

Wenn Ihr auf euren Wachen ein wenig Fortbildung zum Thema BurnOut oder andere Berufsspezifische Belastungen haben wollt sprecht mich gerne an und wir planen zusammen ein Seminar, einen Vortrag oder eine Schulung zu diesen Themen.

Kontakt unter: post@psychologie-im-rettungsdienst.de

Über Alexander Stötefalke

...lebt und rettet in einer Kleinstadt in Niedersachsen, studiert Psychologie und denkt, dass sich Gespräche im Rettungsdienst zu oft um Autos und Funkgeräte und zu selten um Personen, Ideen und dem Umgang mit diesen beiden drehen.
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